Nadine Flück und Oliver Jacobs
begleiten Menschen aus eigener Erfahrung aus der Sucht
Geraci Rosa Meyer.
Bild: aob
Geraci Rosa Meyer ist seit ihrer Kindheit stark seheingeschränkt. Heute verfügt sie noch über 6 Prozent Sehkraft. Zum Tag des Weissen Stocks vom 15. Oktober erzählt sie aus ihrem Alltag.
Lenzburg Rosa Meyer schlendert dem Perron am Rupperswiler Bahnhof entlang. Den Fahrplan hat sie eigentlich im Griff, zur Sicherheit prüft sie ihn aber nochmals am Handy – das Gleis stimmt. Mit dem Zug geht's nach Lenzburg. Als Betroffene gibt sie zum Tag des Weissen Stocks vom 15. Oktober bei einer Tasse Tee einen Einblick in ihren Alltag.
Solange Rosa Meyer in heimischen Gefilden unterwegs ist, merkt man ihr kaum an, dass sie gerade noch über 6 Prozent Sehkraft verfügt. Zur stark eingeschränkten Sehleistung kommt seit ihrer Kindheit ein Strabismus – eine Fehlstellung der Augen – hinzu. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas lebt sie in Rupperswil. Zur Arbeit in Zürich fährt sie mit dem Zug – der weisse Blindenstock ist im Rucksack immer mit dabei. Die Wege von und zu den Bahnhöfen kenne sie mittlerweile gut, wie sie sagt.
Gerade am Zürcher Hauptbahnhof sei das Gedränge aber schwierig: «Es sind so viele Leute und alle sind im Stress», erzählt sie, «da muss ich immer aufpassen und konzentriert sein. Das macht schon müde.» Auf der Heimreise am Abend gehe sie dann zumindest der Menschenmenge beim Umsteigen in Lenzburg aus dem Weg: «Ich fahre meistens bis Aarau durch. Dort habe ich mehr Zeit und Platz beim Wechseln des Gleises.»
Zeit, davon brauche sie grundsätzlich für vieles mehr als andere. Eine kurzfristige Gleisänderung bedeute für sie zum Beispiel oft, dass sie auf den nächsten Zug warten muss. Von einem Gleis aufs andere hetzen, das geht nicht.
Neue Strecken müsse sie immer erst mit Begleitung begehen. Auch auf ihrem Arbeitsweg habe sie ihr Mann beim ersten Mal begleitet. Gemeinsam erkunden sie jeweils den für Rosa Meyer besten Weg und suchen nach möglichen Orientierungspunkten. Einmal abgelaufen und eingeprägt, kann sie eine neue Strecke alleine gehen.
Von den Bahnhöfen an ihren Arbeitsort würden eigentlich auch Busse fahren. Aber: «Busfahren ist schwierig für mich», sagt sie. Denn am Bahnhof halten die Busse nicht immer am selben Ort, und die Linien-Nummer könne sie meist nicht erkennen. Also gehe sie den Weg lieber zu Fuss.
Eine neue Herausforderung stellt für seheingeschränkte und blinde Menschen die E-Mobilität dar. Ob E-Bike, E-Trottinett oder E-Auto, eines haben sie gemeinsam: Sie sind schnell und kaum hörbar. Mit den E-Velos und -Autos habe sie weniger Probleme, erzählt Rosa Meyer. Diese seien in der Regel auf der Strasse unterwegs. «Die elektrischen Trottinetts sind aber mega gefährlich!» Ob im Bahnhof oder auf dem Trottoir: Die Gefährte kommen für sie oft aus dem Nichts und dann erst noch mit hoher Geschwindigkeit.
Erhötes Bewusstsein für die Gefahren der E-Mobilität soll dieses Jahr auch der Tag des Weissen Stocks schaffen. Der Blindenbund empfiehlt, beim Fahren mit E-Fahrzeugen besonders aufmerksam und rücksichtsvoll zu sein. Dazu gehört, frühzeitig zu klingeln oder sich bemerkbar zu machen, die Geschwindigkeit besonders in Wohngebieten und bei schlechter Sicht anzupassen sowie beim Parkieren Wege, Trottoirs und Blindenleitlinien freizuhalten.
Im Grossen und Ganzen hat Rosa Meyer ihren Alltag gut organisiert. Auch die Infrastruktur in der Schweiz bewertet sie gut. Wenn sie doch einmal alleine unterwegs und auf Hilfe angewiesen sei, würden sich die meisten Menschen auch freundlich und hilfsbereit zeigen. Sie kläre Menschen immer direkt über ihre Situation auf, wenn sie um Hilfe bittet. Da komme es nur sehr selten vor, dass jemand genervt sei oder sich die Zeit nicht nehme, um zu helfen.
Der Weisse Stock sei dafür ein wichtiges und starkes Symbol: «Sobald die Leute meinen Blindenstock sehen, reagieren sie sofort.» Nur etwas mehr Gelassenheit würde sie sich von einigen Mitmenschen wünschen, wenn sie etwas langsamer unterwegs ist.
Von Adrian Oberer
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