Rolf Walser
Interview: OK-Präsident und Gesamtschulleiter über das «Speuzer Schuelfescht»
Die Endlichkeit des Lebens ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wie kann das Lebensende gut gestaltet werden und was kann dabei helfen? Um diese Fragen drehte sich die informative und auch bewegende Veranstaltung der Koordinationsgruppe Alter Aarau letzte Woche im kuk Aarau.
Aarau Die öffentliche Veranstaltungsreihe der Koordinationsgruppe Alter Aarau stand dieses Jahr unter dem Thema «Palliative Care». Im Kultur- und Kongresshaus Aarau beschäftigten sich zahlreiche Besucherinnen und Besucher mit der Frage: «Wie kann das Lebensende gut gestaltet werden?» Organisationen wie Pro Senectute Aargau oder Palliative Aargau informierten an ihren Ständen über ihre Angebote und Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene und Angehörige. Im Mittelpunkt standen ein Referat von Dr. Heinz Rüegger, Theologe, Ethiker und Gerontologe, sowie ein Podiumsgespräch mit Menschen aus der Region Aarau, die persönliche Erfahrungen mit palliativer Betreuung gemacht haben.
Dr. Heinz Rüegger sprach in seinem Vortrag «Auf den Abschluss des Lebens zugehen – was dabei helfen kann» über die Endlichkeit des Lebens. Sterblichkeit sei kein Makel, sondern gehöre von Anfang an zum Menschsein dazu. Der Tod sei Teil des Lebens und nicht dessen Gegensatz. Rüegger griff Gedanken verschiedener Philosophen auf. Martin Heidegger habe den Menschen als «Sein zum Tode» beschrieben. Das Bewusstsein um die eigene Endlichkeit könne helfen, bewusster und authentischer zu leben. Sigmund Freud wiederum habe festgestellt, dass viele Menschen den Tod verdrängen und leben würden, als gehe alles unbegrenzt weiter.
Demgegenüber stehe eine philosophische Tradition, die dazu ermutige, den Tod anzunehmen. Leben bedeute auch, sterben zu lernen. Der Philosoph Wilhelm Weischedel sprach von einem «abschiedlichen Leben». Gemeint sei eine Haltung des Loslassens und der Offenheit gegenüber Veränderungen. Wer lerne, im Alltag loszulassen, sei auch besser vorbereitet auf das endgültige Loslassen am Lebensende.
Rüegger betonte, dass Menschen, die den Tod akzeptieren, oft lebendiger leben. Der deutsche Psychiater und Theologe Manfred Lütz habe formuliert: «Wer den Tod verdrängt, verpasst das Leben.» Wichtig sei deshalb, die verbleibende Lebenszeit bewusst zu nutzen, kleine Freuden wahrzunehmen und das Schöne im Alltag nicht zu übersehen. So könne eine Art «Lebenssättigung» entstehen – das Gefühl, das Leben in seinen Höhen und Tiefen ausgekostet zu haben.
Zum hohen Alter gehörten aber auch Verluste, Grenzen und Krisen. Körperliche Kräfte nähmen ab, Fähigkeiten gingen verloren und Abhängigkeiten würden grösser. Entscheidend sei, keine Opferhaltung einzunehmen, sondern Schwierigkeiten als Teil des Lebens zu akzeptieren. Dazu zähle auch, Hilfe anzunehmen und Erwartungen an die eigenen Möglichkeiten anzupassen. Mit zunehmendem Alter werde der Tod weniger verdrängbar, weil er zeitlich näher rücke. Deshalb stelle sich die Frage, wie man sich mit dieser Realität versöhnen könne.
Rüegger warb dafür, den Tod nicht nur negativ zu betrachten. Der Tod gehöre zum natürlichen Kreislauf des Lebens, schaffe Raum für nachfolgende Generationen und könne auch Frieden bedeuten. Gleichzeitig sei es tröstlich zu wissen, dass die Schweiz über einen hohen Standard in der palliativen Medizin verfüge. Palliative Care ermögliche vielen Menschen, die letzte Lebensphase mit möglichst wenig Schmerzen und einer hohen Lebensqualität zu verbringen. Der Tod müsse im Alter nicht um jeden Preis bekämpft werden. Wer sein Leben als erfüllt erlebt habe, könne ihm mit mehr Gelassenheit begegnen.
Im anschliessenden Podiumsgespräch, moderiert von Karin Zimmermann von Radio SRF, schilderten mehrere Betroffene ihre persönlichen Erfahrungen mit palliativer Betreuung. Die Berichte zeigten eindrücklich, wie wichtig Nähe, Unterstützung und Begleitung in der letzten Lebensphase sind.
Kitti Steffen erzählte von ihrem Mann, der an Amyotropher Lateralsklerose litt. Weil das gemeinsame Bauernhaus nicht rollstuhlgängig war, musste eine neue Wohnung gefunden werden. Dort habe sich ihr Mann im Kreis der Familie bis zu seinem Ende wohlgefühlt. Die Spitex habe bei Pflege und Betreuung wertvolle Unterstützung geleistet.
Markus Furrer berichtete von der palliativen Betreuung seiner Mutter zuhause. Trotz der nicht ganz einfachen Situation habe die gemeinsame Pflege schöne Momente ermöglicht und die Familie enger zusammengebracht.
Doris Tanner, freiwillige Mitarbeiterin im Hospiz Brugg, schilderte ihre Motivation für die Begleitung sterbender Menschen. Oft gehe es weniger um Worte als um einfaches Dasein, Zuhören oder gemeinsames Schweigen.
Silvia Schlatter erzählte von ihrer 90-jährigen Mutter, die im Altersheim lebte und nach einem schweren Sturz entschieden habe, sterben zu wollen. Die Familie respektierte diesen Wunsch und bat das Altersheim um palliative Betreuung. In Erinnerung geblieben sei vor allem die liebevolle Unterstützung durch das Pflegepersonal.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass sich das Lebensende zwar selten planen lässt, aber dennoch gestaltet werden kann. Menschen brauchen in dieser Zeit vor allem Beziehungen, Orientierung und die Freiheit, ihren eigenen Weg zu gehen. Palliative Care schafft Räume, in denen Würde, Nähe und Lebensqualität im Mittelpunkt stehen. Ziel ist es, Leiden zu lindern, Selbstbestimmung zu stärken und Betroffene wie Angehörige menschlich zu begleiten.
Von Olivier Diethelm
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