Nadine Flück und Oliver Jacobs
begleiten Menschen aus eigener Erfahrung aus der Sucht
Bei Tel 143 sitzt am anderen Ende der Leitung rund um die Uhr jemand, der einem zuhört, egal, über was man sprechen möchte.
Bild: Olivier Diethelm
Die Telefonnummer 143 wurde vor fast 50 Jahren eingeführt und hat nichts von ihrer Notwendigkeit verloren. Ganz im Gegenteil: In der heutigen komplizierten Welt bietet «Die Dargebotene Hand» rund um die Uhr ein offenes Ohr für alle, die einfach jemanden brauchen, der ihnen zuhört, ganz egal, was sie belastet und über was sie sprechen möchten. Auch chatten oder mailen ist möglich.
Aargau/Solothurn «Ich rufe Sie an, bevor ich einen ‹Seich› mache», sagte eine verzweifelte Person bei ihrem Anruf bei Tel 143. Sie sei unterwegs mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Dann habe sie sich gedacht, bevor sie das machen wolle, möchte sie noch mit jemandem reden. Deshalb rufe sie zuerst noch die Nummer 143 an. Und sie erzählte ihre Geschichte von einem Elternhaus voller Gewalt und dass sie nie Wertschätzung erfahren habe. Sie sei zwar in einem Umfeld, wo sie gut begleitet sei und Hilfe habe, trotzdem spüre sie in diesem Moment eine grosse Hoffnungslosigkeit.
Die Beraterin von Tel 143 hörte der anrufenden Person zu, holte sie immer wieder ab und konnte ihr aufzeigen, über welche Ressourcen sie verfüge, da sie doch den Weg bis hierhin geschafft habe. Die Person bedankte sich am Schluss mit wieder gefestigter Stimme und betonte, sie sei sehr dankbar für das Gespräch, sie gehe nun zurück an ihren Arbeitsplatz, notiere sich, was sie alles erreicht habe und gehe dann etwas essen.
«Dies ist ein Beispiel für ein extrem berührendes, halbstündiges Gespräch mit einem Menschen, der in dieser Welt gerade den Boden unter den Füssen verloren hatte und nicht mehr weiter wusste», so Christina Hegi, Geschäftsleiterin 143.ch Aargau/Solothurn. Es sei wunderbar zu sehen, was innerhalb eines solchen Gesprächs möglich ist, wenn man es schaffe, einer Person im positiven Sinne den Spiegel hinzuhalten und damit ihren Blick auf das eigene Leben zu ändern. In Momenten der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung hätten Menschen oft einen Tunnelblick und sehen den Suizid als einzigen Ausweg – was aber nicht gleichbedeutend sei mit dem Wunsch zu sterben. Deshalb sei das Gespräch so enorm wichtig, ja geradezu lebensrettend, betont die Geschäftsleiterin.
Auch wenn der beschriebene Anruf am Morgen erfolgt sei, seien die Themen am Abend und in der Nacht heftiger als am Tag, erklärt Christina Hegi. Um das bewältigen zu können, habe man in der Geschäftsstelle Aargau/Solothurn angefangen, die Abendschichten teilweise doppelt zu besetzen, damit die freiwilligen Beraterinnen und Berater der «Dargebotenen Hand» zwischen den Anrufen auch mal durchatmen können. Denn 15 Anrufe innerhalb von fünf Stunden seien kein Pappenstiel.
Im Einzugsgebiet Aargau/Solothurn haben 2024 rund 20'000 Hilfesuchende die Beratung der «Dargebotenen Hand» in Anspruch genommen. Im Vergleich zum Vorjahr wurden drei Prozent mehr Gespräche geführt. Die psychische Gesundheit beschäftigt dabei die meisten hilfesuchenden Menschen, gefolgt von Problemen bei der Alltagsbewältigung und der Einsamkeit.
Die ganze Beratertätigkeit wird in der Geschäftsstelle Aargau/Solothurn mit aktuell 52 lebenserfahrenen und gut ausgebildeten Frauen und Männern bewältigt. Es sind ganz besondere Leute, die sich freiwillig engagieren und diese Tätigkeit als sehr erfüllend und bereichernd betrachten. Neben der Beratertätigkeit haben bei 143.ch auch Weiterbildungen, Supervisionen und gesellschaftliche Veranstaltungen einen hohen Stellenwert, was von den Beraterinnen und Beratern sehr geschätzt wird.
Aktuell sind wieder Schulklassen unterwegs und verkaufen Schoggiherzen zugunsten von 143.ch. Der Verkauf der roten Schoggiherzen ist für 143.ch nicht nur eine wichtige Einnahmequelle, er soll auch Kinder und Jugendliche an das Thema heranführen und ihnen den Wert eines guten Gesprächs vermitteln. Sie sollen wissen, dass wenn sie in ihrem Umfeld mit niemanden über ihre Probleme reden können und alle Stricke reissen, sie jederzeit die Nummer 143 wählen können und jemand da ist, der ihnen zuhört.
Für den Verkauf der Schoggiherzen können sich gerne Lehrpersonen oder auch Leiter/innen von Gruppen wie etwa die Jungwacht oder Blauring melden. Die Kinder und Jugendlichen verkaufen die Herzen je nachdem von Tür zu Tür oder an öffentlichen Plätzen und in Einkaufszentren. Die Herzen kosten fünf Franken, davon geht ein Franken in die Klassenkasse. Rückmeldungen von Lehrer/innen zeigen, dass den Kindern und Jugendlichen der Verkauf grossen Spass macht und sie den Wert eines Gespräches schätzen lernen. Informationen zum Schoggiherzen-Verkauf gibt es hier!
Nächstes Jahr führt 143.ch wieder Ausbildungskurse für freiwillige Mitarbeitende durch. Diese stehen auch Externen offen, die ihre Kompetenzen wie etwa in der Gesprächsführung verbessern möchten – ideal für Leute, die im Sozial- oder Gesundheitswesen, in einer kirchlichen Institution oder an einem anderen Ort mit herausfordernden Gesprächssituationen konfrontiert werden. Es ist ein Kurs fürs Leben, von dem man nicht nur beruflich enorm profitieren kann. Weitere Informationen dazu gibt es auf www.143.ch.
Von Olivier Diethelm
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