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«Premiere» hiess es am vergangenen Mittwoch in der Thut-Stadt: Das Kunstmuseum lud erstmals zu einem «Twistory» Event ein. In einer Bazar-ähnlichen Atmosphäre tauschten sich Museumsbegeisterte und sachkundige Maturanden zu ausgewählten Objekten aus dem Lager des Zofinger Kulturspeichers aus.
Zofingen Das «Twistory»-Projekt steckt in gewisser Weise noch in den Kinderschuhen, wurde es vor wenigen Jahren durch Geschichtslehrerin Ariane Knüsel im Auftrag der Kanti Baden kreiert und ebendort erstmals durchgeführt. Nun feierte das Konzept in Zofingen – unter anderem auch durch das Engagement der Zofinger Museumsdirektorin Heidi Pechlaner Gut, welche schon in der früheren Ausgabe in Baden beteiligt war – seine Premiere. Maturanden bringen im Rahmen von «Twistory» die Geschichte eines (noch) unerforschten Museumsobjektes ins 21. Jahrhundert, gründliche Forschungsarbeit inklusive. Dazu lassen sie die Öffentlichkeit einerseits mit einem Blogpost im Internet teilhaben, andererseits auch mit einem kulminativen, öffentlichen Anlass, wie am vergangenen Mittwoch, 21. Januar im Stadtmuseum. In einer Bazar-ähnlichen Atmosphäre können sich dann Geschichtsbegeisterte mit den Schülern austauschen.
Einen engagierten Partner fand das Konzept auf Initiative von Heidi Pechlaner Gut in Marco Arni, Geschichtslehrer an der Kanti Zofingen. «Die Schüler lernen hier ganz anders als im traditionellen Schulunterricht», schwärmt er. Normalerweise habe man eine präparierte Quelle, zu welcher die Lösung bekannt sei – hier starten sowohl er als auch die Schüler bei Null und müssten wertvolle Basisarbeit leisten. «Bei Null» ist in seiner Bedeutung wörtlich zu nehmen: Die Objekte, welche sich die Maturanden aussuchten, sind teilweise komplett unerforscht. Auch «Twistory»-Schöpferin Ariane Knüsel pflichtet dem Potential als Unterrichtsform bei: «Hier sieht man eindrücklich, zu was die Leute alles in der Lage sind», schwärmt die Geschichtsexpertin, welche auch an der Universität in Fribourg forscht. Das sei eine besonders wertvolle Forschungserfahrung, ist 2026 das (oft vermeintliche) Wissen per KI nur noch ein paar Mausklicks entfernt.
Eine Win-Win-Situation also: Die Schüler werden spannend gefordert und erarbeiten wertvolles Wissen, welches letztendlich dem Museum zugute kommt – auch wenn, wie ganz üblich in der Geschichtsforschung, nicht jede Frage mit Sicherheit geklärt werden kann. Geplant ist übrigens, dass die beste Arbeit, analog der Ausgabe in Baden, auch im kommenden Neujahrsblatt publiziert wird.
Auch im Internet posten die Schüler ihre Erkenntnisse in einem Blog. Ariane Knüsel schwebt dabei schon eine kantonale und nationale Datenbank vor, welche das Wissen publik macht. Daneben sei es auch das Ziel, so Heidi Pechlaner Gut, das Konzept auszuweiten – auf mehr Schulen und vor allem auch auf verschiedene Schulstufen: Nicht nur Kantonsschulen, sondern auch Oberstufen und Primarschulen könnten auf dem jeweiligen Niveau eine «Twistory» umsetzen. Ein Objekt, mit dem man mehrere Wochen arbeitet, würde den Schülern, ungeachtet des Schulniveaus, sowieso ans Herz wachsen, so Marco Arni. So wie es auch die Auswahl der Objekte der Maturanden an diesem Abend taten, welche vielfältiger kaum sein könnten: ein anmutiger, niederländischer Globus, datiert auf das Jahr 1648, ein Poesiebuch von Marta Müller aus dem Jahr 1892, alte Fotoalben aus den 1880er- und 1890er-Jahren – oder ein altehrwürdiger, dunkler Hut mit verstärktem Schirm des letzten Zofinger «Dienstmannes».
Die Kopfbedeckung wurde von Luca Saxer näher aufgearbeitet. Nach gründlicher Recherche, analog wie digital (darunter auch ein Treffen mit dem ehemaligen Museumskonservator Urs Siegrist) liess sich ein detailliertes Bild zeichnen: Der Hut gehörte dem letzten Dienstmann Zofingens, mit Nachnamen «Küpfer». Die Dienstmänner waren eine Berufsgruppe, die im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Eisenbahn entstand. Ihre Arbeit war simpel: Sie fungierten als Bindeglied zwischen Bahnhof, Stadt und Mensch, brachten Gepäck von A nach B, erledigten Botengänge oder halfen einfach Reisenden weiter, welche selbst nicht weiterwussten.
Der Maturand erfuhr auch abseits des Dienstes mehr über Küpfer: So lebte er alleinstehend und zurückgezogen in der Ringmauergasse gegenüber dem Pulverturm. Sein Markenzeichen: nach getaner Arbeit in die Kneipen der Stadt abtauchen, immer stilsicher mit der Prissago-Zigarre zwischen den Lippen. So lässt es sich leben, egal ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart.
Joel Dreier
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