Dr. Heinz Rüegger
beleuchtete im kuk Aarau Leben und Tod auch aus philosophischer Sicht
Olga Dinnikova, Filmemacherin aus Niederlenz.
Bild: zvg/Reinis Hofmanis
Am 19. Juni feiert der Film «Behind the Glass» der Niederlenzer Regisseurin Olga Dinnikova Kino-Premiere in der Schweiz. Das Drama, welches in Lettland seinen Lauf nimmt, ist von der eigenen Lebensgeschichte der Autorin inspiriert.
Niederlenz«Behind the Glass» spielt zu Beginn in der lettischen Hauptstadt Riga. In einem von Drogen, sozialem Abstieg und Gewalt gezeichneten Stadtviertel lebt Lena mit ihrer Mutter Anna. An Lenas 15. Geburtstag eskaliert die Situation: Lenas beste Freundin stirbt an einer Überdosis, sie selbst wird von der Polizei des Drogenhandels verdächtigt und die verantwortlichen Drogendealer bedrohen Lena und ihre Mutter. Am Ende ihrer Kräfte angelangt, entscheidet sich Lenas Mutter Anna, in die Schweiz zu fliehen, wo sie fürs Erste bei Verwandten unterkommen. Ein versuchter Neuanfang, geprägt von Trauer, Wut, Misstrauen – und dem Bedürfnis, gesehen und verstanden zu werden.
«Es ist keine autobiografische Geschichte», erzählt Autorin und Regisseurin Olga Dinnikova über ihren Erstlingsfilm, «aber es ist sehr viel Persönliches darin.» Auch ihre eigene Reise begann einst in Lettland. Nach dem Zerfall der Sowjetunion nutzte ihre jüdische Familie die Möglichkeit zur Auswanderung nach Israel, wo ihre Mutter später einen Schweizer kennenlernte. «Ich wollte gar nicht weg – nicht aus Lettland, auch nicht aus Israel», erinnert sie sich. Und doch landete sie schliesslich in der Schweiz.
Olga Dinnikovas Anspruch an das Kino ist klar: Es soll authentisch sein. «Ich kann es nicht ausstehen, wenn Figuren geschminkt aufwachen oder nie aufs WC müssen», sagt sie. «Ich will echtes Leben im Film.» Diese Authentizität beginnt für sie bei der Regiearbeit: Ihre Aufgabe sieht sie darin, die Darsteller auf dieselbe emotionale Frequenz zu bringen. «Ich will, dass man ihnen alles glaubt.»
Auch visuell lebt «Behind the Glass» von Kontrasten. Auf die Enge, Kälte und Düsterheit des Alltags in einer sowjetischen Plattenbausiedlung folgt die scheinbare Idylle der Schweizer Agglo. Dinnikova erinnert sich gut an ihren eigenen Kulturschock: «Das war mein erster Eindruck von der Schweiz. Die Cousine von meinem Stiefvater hatte eine doppelstöckige Maisonette-Wohnung mit grosser Terrasse und Aussicht in die Berge. Jedes Wochenende gab es Zopf – ich kannte das gar nicht. Megaschön und Zopf, das ist mir geblieben.»
Was Olga Dinnikova auch sonst selbst erlebt hat – Integrationsklasse, Sprachbarrieren, Einsamkeit und gleichzeitig eine überlebensnotwendige Anpassungsfähigkeit –, spiegelt sich in ihrer Figur Lena. Der Film soll zeigen, wie schwer es ist, Vertrauen wieder aufzubauen. Zwischen Eltern und Kindern, zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Menschen, die plötzlich in einem Land leben, das (noch) nicht das ihre ist – und doch zur neuen Heimat werden soll.
Die Entstehung des Films ist eine Geschichte für sich: Bereits 2016 schrieb Dinnikova eine erste Drehbuchfassung im Rahmen ihres Masterstudiums an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK). Doch erst die komplette Umfokussierung der Geschichte auf die Mutter-Tochter-Beziehung brachte die emotionale Tiefe, die der Filmemacherin vorschwebte. «Zu Beginn war es eine Coming-of-Age-Geschichte aus Sicht von Lena. Als ich dann eigene Kinder hatte, interessierte mich die Mutterfigur immer mehr.»
Olga Dinnikova spricht mit Leidenschaft, wenn sie übers Filmemachen redet. Schon früh wusste sie, dass sie Schauspielerin werden will – ein Traum, den sie hartnäckig verfolgte und schliesslich erreichte. «Auch das unterscheidet mich von Lena: Ich wusste immer, was und wohin ich will. Lena fehlt so ein Traum.»
Die Produktion war ein Kraftakt: Vier Jahre dauerte es von der neuen Drehbuchfassung bis zum Drehstart. Der Film wurde in der Schweiz und in Lettland realisiert, unter anderem mit grosszügiger Unterstützung des SRF, des Bundesamts für Kultur, der Zürcher Filmstiftung und des Aargauer Kuratoriums. Dass «Behind the Glass» überhaupt entstand, verdankt Olga Dinnikova aber auch einem Netzwerk, das sie seit Studienzeiten begleitet – besonders ihrem Produzenten Markus Fischer, den sie am Set von «Der Bestatter» kennengelernt hatte. «Ich bin all den Leuten unglaublich dankbar, die es möglich gemacht haben, dass mein Film gedreht werden konnte», sagt sie.
Und wie geht es weiter? Die Filmemacherin arbeitet bereits an ihrem nächsten Projekt – ein Vater-Tochter-Drama, wieder inspiriert von der eigenen Geschichte. «Ich will nur Geschichten erzählen, mit denen ich mich identifizieren kann», sagt Olga Dinnikova. Diesmal geht es aber um erwachsene Figuren, um verpasste Chancen und das verzweifelte Bemühen, einander doch noch zu erreichen. Die Themen bleiben also familiär, existenziell und schonungslos ehrlich.
Weitere Informationen zur Person und ihrem Film unter: www.olgadinnikova.com/de/behindtheglass
Von Adrian Oberer
Update, 24. Juni 2025:
Aufgrund der gelungenen Premiere gibt es folgende zusätzlichen Vorstellungen:
Bern, Cinemovie:
– 26.06. um 17:45 Uhr
– 30.06. um 17:45 Uhr
Brugg, Odeon:
– 27.06. um 20:15 Uhr
– 28.06. um 20:15 Uhr
– 01.07. um 15 Uhr
– 03.07. um 18 Uhr
Zürich, Frame:
– 26.06. um 15 Uhr
– 27.06. um 18:15 Uhr
– 28.06. um 12:30 Uhr
– 29.06. um 12:30 Uhr
Bern, Cinemovie: 19.6. & 22.6. jeweils um 18 Uhr; Zürich, Frame: 19.6. um 20:30 Uhr & 22.6. um 17:30 Uhr; Brugg, Odeon: 19.6. um 20:15 Uhr, & 22.6. um 17 Uhr; St. Gallen, Scala: 19.6. um 20 Uhr & 22.6. um 17 Uhr; Zug, Gotthard: 19.6. um 20:15 Uhr & 22.6. um 17:30 Uhr; Basel, Kult.Kino Atelier: 19.6. um 20:45 Uhr & 22.6. um 12 Uhr
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